Wenn Präsenz größer wird als der Raum
Es war mein erster großer Coachingauftrag, ein gut gehendes, nobles Restaurant, ein Ort, an dem Abläufe stimmten, Haltungen eingeübt waren und Präsenz bereits zum Alltag gehörte. Und ich war aufgeregt. Nicht zittrig, nicht unsicher im klassischen Sinne, sondern innerlich hochkonzentriert, gesammelt, fokussiert. Diese Art von Spannung, bei der man glaubt, genau so müsse es sich anfühlen, wenn man professionell ist. Ich nahm alles zusammen, was ich aus der Bühne kannte, all die innere Aufrichtung, die klare Haltung, den festen Gang, den entschlossenen Blick, und sagte mir innerlich: Jetzt. Jetzt gehst du da rein. Und dann ging ich durch die Drehtür.
Ich ging nicht einfach hinein. Ich rauschte hinein. Nicht laut, nicht grob, nicht respektlos, aber mit einer Wucht, die in diesem Moment mehr nach Auftritt als nach Ankommen war. Und ich spürte es sofort. Diese Sekunden, in denen sich ein Raum verändert, nicht dramatisch, aber spürbar. Menschen schauten auf. Nicht irritiert, nicht ablehnend, sondern aufmerksam. Zu aufmerksam. Später erzählte mir der Auftraggeber, dass seine Mitarbeiter ihn gefragt hätten, wer das denn gewesen sei. Nicht im negativen Sinn, aber deutlich genug, um zu zeigen: Das war wahrgenommen worden.
Damals habe ich darüber nicht gelacht. Heute kann ich es. Und genau das sagt viel über Körpersprache aus. Denn Körpersprache ist nicht nur das, was wir bewusst einsetzen, sondern auch das, was aus uns herausbricht, wenn wir etwas unbedingt richtig machen wollen. In meinem Fall war es Mut. Ein klarer Entschluss. Ich wollte präsent sein, ich wollte nichts dem Zufall überlassen, ich wollte zeigen, dass ich hier richtig bin. Und das war gut. Ohne diesen Mut hätte ich vielleicht gezögert, mich kleiner gemacht, mich innerlich entschuldigt für meine Anwesenheit. Das wäre ebenfalls sichtbar gewesen. Körpersprache verrät immer etwas. Auch Zurückhaltung. Auch Unsicherheit. Auch übertriebene Entschlossenheit.
Was ich damals erlebt habe, war kein Fehler im klassischen Sinne. Es war ein Übermaß. Und Übermaß ist etwas anderes als falsch. Es entsteht oft genau dort, wo Menschen sich zusammennehmen, wo sie sich überwinden, wo sie Verantwortung übernehmen wollen. Übermut ist nicht das Gegenteil von Professionalität, sondern manchmal ihr unbeholfener erster Schritt. Und genau deshalb gehört er dazu.
Körpersprache als Beziehung, nicht als Technik
Körpersprache ist kein Werkzeugkasten, den man einfach öffnet und alles gleichzeitig benutzt. Sie ist kein Bühnenprogramm, das überall gleich funktioniert. Sie ist Beziehung. Beziehung zum Raum, zu den Menschen, zur Situation. Was auf einer Bühne trägt, kann in einem Restaurant zu viel sein. Was in einer Führungssituation Stärke zeigt, kann im persönlichen Gespräch dominant wirken. Präsenz ist kein Absolutwert. Sie ist immer relativ.
Ich war damals sehr bei mir. Zu sehr. Ich war so sehr damit beschäftigt, alles richtig zu machen, dass ich den Raum zwar wahrgenommen, aber nicht wirklich einbezogen habe. Präsenz heißt nicht, den Raum zu füllen. Präsenz heißt, ihn mitzudenken. Ihn zu lesen. Zu spüren, was er gerade braucht. Manchmal ist das Energie. Manchmal Ruhe. Manchmal Klarheit. Und manchmal schlichtes Ankommen.
Das Entscheidende ist: Es darf schiefgehen. Es darf auch mal zu groß sein. Körpersprache lernt man nicht aus Büchern, sondern im Erleben. Im Tun. Und im ehrlichen Rückblick. Entwicklung entsteht nicht aus Perfektion, sondern aus Reibung. Aus dem Moment, in dem man merkt: Das war zu viel. Oder: Das war zu wenig. Und dann nicht zu verurteilen, sondern nachzujustieren.
Heute weiß ich, dass wahre Souveränität selten laut ist. Sie zeigt sich oft in kleinen Dingen. In einem ruhigeren Gang. In entspannteren Schultern. In einem Atem, der nicht gehalten wird. In der Fähigkeit, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, ohne sich kleinzumachen. Humor hilft dabei enorm. Denn ein Körper, der lachen kann, ist fast immer entspannter als ein Körper, der perfekt sein will.
Körpersprache ist ein Dialog. Zwischen Mut und Maß. Zwischen innerer Haltung und äußerem Kontext. Zwischen dem Wunsch, wirksam zu sein, und der Fähigkeit, zuzuhören. Und manchmal braucht es genau diesen ersten, etwas zu großen Schritt durch eine Drehtür, um später leiser, klarer und stimmiger durch Räume zu gehen.
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